In preiswürdig beherrschter Weise

BERLIN, 5.3.

Liebe Katharina,

klar, schon wieder ich. Da Du in preiswürdig beherrschter Weise mit mir einen Hermann Kant ertragen hast, zeichne ich Dich mit der Übersendung des veröffentlichten Artikels aus. Die Chronistenpflicht hat mich leider zu Sachlichkeit gezwungen, deswegen ließen sich diverse Beiträge einiger Anwesender (Herr Broder, RIAS-Fatzke, Kant selbst u.a.) nicht angemessen darstellen. Meine Eitelkeit erwartet nun keine begeisterten Rezensionen von Dir (hähähä), der Ausriß erfüllt rein informative Zwecke. Dumm nur, daß ich mir auf den blöden Zwischenruf von Frau Maron montags zähneknirschend den SPIEGEL kaufen mußte, der allerdings viel Neues auch nicht hergab, schon gar nicht die ultimative Frage „Wer war’s?“ beantwortete, wenigstens jedoch noch einigen Hintergrund vermittelte. Interessant, daß Biermann dort schreibt, er habe wohl erfahren, daß der VS eine Anhörung zu seinem Fall veranstaltete, dazu vorgab, nicht interessiert zu sein, im SPIEGEL aber alles, was ihn angeblich nicht angeht, auf sechs Seiten detailliert ausrollt. Wahrscheinlich eine Frage des Honorars. Wenn ich die Chance hätte, mich in diesem Nachrichtenmagazin auch mal über eine Sache zu verbreiten, die mich nichts angeht – umfangreichste Zuarbeit wäre Herrn Augstein von meiner Seite sicher.

Ich habe am Sonntag übrigens sogleich meinen Vater angerufen, um ihm davon zu erzählen, daß ich bei den ND-Ablichtungen dort in Pankow eine Ergebenheitsadresse des seligen Janosz Veiczi […] entdeckte. Daddy lachte sarkastisch und meinte, er könne mir das Briefchen im Wortlaut aus dem Gedächtnis zitieren. Die Stimmensammler vom ND hätten damals in Unkenntnis darüber, daß Herr Veiczi […] nicht mehr angesagt war, bei ihnen angerufen und sich dann wenigstens die neue Nummer des Meisters erbeten. Geschichten.

Montag bei der Jungen Welt habe ich mich dann (immer noch nicht gelernt, NEIN zu sagen) mit Arbeit so vollschütten lassen, daß mir jetzt noch die Ohren rauchen. Vier Artikel in einer halben Woche, davon zwei Rezensionen, zu denen jeweils ein Buch überhaupt noch zu lesen war, sind dann doch etwas zu viel. Aber: siehe oben, Kapitel Honorarfrage. Werde das wohl alles etwas einschränken müssen, um ein bißchen Diplomarbeit zu schaffen.

So, ein Foto liegt auch bei, da für einen der genannten Beiträge auch ein Bild zu bringen war, habe ich das hier schnell mitgemacht. Selbiges geht auch an Lewis, dem ich jetzt, schön sauber, schreiben werde.
Sei gedrückt!
Jens.

Wir waren doch automatisch die Guten

LEIPZIG, 14.1.(1992)

Liebe Katharina,

mein erster Tröstebrief nach Lewis‘ Abflug, während ich hoffe, daß Dich die bloße Erwähnung Eurer Trennung nicht in bodenlose Trübsal rutschen läßt. Ich mag mir nicht vorstellen, wie jener Montag für Euch ausgesehen haben muß, da er in Tegel durch den Abfertigungsschalter lief, ich wünsche Dir nur, daß Du in der Arbeit inzwischen Ablenkung gefunden hast und die gröbste Traurigkeit überwunden. Wenn ich Dir irgend helfen kann bis zum Mai, nimm mich bitte unbescheiden in Anspruch, Du kennst meine Nummer – mit der 9 jetzt statt der 3 in der Frontposition -, und die gilt zu jeder Tageszeit. Ab Februar bin ich auch ganz in Berlin, blase in der Staatsbibliothek Staub, der älter ist als ich, aus alten Zeitungen und schreibe mich an mein Diplom heran. Wann immer Du magst, hol mich ruhig aus der Weimarer Republik in die Neuzeit.

Obwohl kein Vergleich, etwas Entbehrung empfinde ich schon, da nun mein Bruder wieder nach Cardiff gefahren ist. Noch eine Katharina allein, seine Frau. Mit ihm zusammen zu sein, etwas von seiner Unbekümmertheit, seinem Schwung abzukriegen, hat mich auch immer ein wenig sorgloser gemacht. Vielleicht besuche ich ihn im Frühjahr dort, wir sehen uns die Clubs und Pubs an, hören liebenswert hinterwäldlerischen Popbands zu, die dann immer noch Klassen besser sind als das Eingemachte im deutschen Plattenregal. Die Zeit bis zum Sommer, die selbstbestimmte, nicht von außen strukturierte Arbeit am Diplomthema wird mir sicher schwierig. Ich verschwende meine Zeit vorzugsweise an spontan begonnene Bücher, an S-Bahn-Fahrten und Schallplattenkauf, an Telefonanrufe, Essenkochen und ausgedehntes Teetrinken, keine Vorstellung, wie ich mir einen Tag aufbauen soll, unbeeindruckt vom unmittelbaren Zwang zum pünktlichen Erscheinen an einer Stelle, wo man seine Arbeit täglich abliefert. Vorigen Freitag bin ich probeweise um halb sieben aufgestanden, um vor dem Frühstück schwimmen zu gehen, das Bad liegt nur zehn Minuten von unserer Wohnung weg. Nur Rentner mit mir im Wasser, ruhige Fortbewegung, Bahn auf, Bahn ab, und Mißmut über den spürbaren Verlust an Kondition, ich habe das ja einmal trainiert, bis zum 10. Lebensjahr. Nach 700 Metern brach ich ab, hochroten Kopfes, falsch geatmet und so, und ging anschließend, zerschlagen, doch wieder ins Bett. Ich bin leicht zu entmutigen. Doch das morgendliche Schwimmen sollte die Diplomarbeitstage immer eröffnen, Auftakt zu einem Rhythmus, mit dem ich abends auch etwas geschafft habe.

Du hast ungläubig gelacht, neulich – soll das wieder 14 Tage her sein? -, als ich Dir dankte für ein paar gute Tage in Potsdam, ich sei, sagtest Du, ja leicht zufriedenzustellen. Vielleicht stimmt das. Aber was hätte ich erwarten können? Nichts weiter doch als eine vorsichtige Wiederannäherung, sicher nicht frei von Peinlichkeiten, Verkrampfungen, Mißverständnissen. Keine Illusionen. Aber, ich weiß nicht wie, ich bekam das Gefühl einer großen Sicherheit bei Euch, die Möglichkeit freier Bewegung. Ich bin nicht nur sehr froh, daß unser beider Freundschaft die Beschädigung durch mich überstand, viel mehr, ich habe Lewis kennengelernt und mit ihm einen Freund, den ich ebenso gern immer wiedertreffen möchte wie Dich. Nicht nur, daß ich nun verstehe, wie „meine kühle Freundin Katharina“ für diesen Mann, nein, nicht den Kopf verlor, wie sie für diesen Mann sich in völliger Verliebtheit begeisterte; ihr zwei gebt ein Gespann ab, das ohne besondere Absicht ganz viel Positives ausstrahlt. Ich kam mir in jedem Moment gut aufgehoben vor bei Euch – und das alles ganz ohne so merkwürdige Rituale wie „Verzeihung“, „Verurteilung“ oder „Aussprache“. Versteh mich recht, ich bin alles andere als ein fröhlicher Verdränger, aber im Moment brauche ich jede kleine Bestätigung, daß in mir noch etwas Würde und Stolz ist.

Die Situation ist für mich im Augenblick so, daß ich nicht weiß, wie ich mit mir leben soll. Die Möglichkeit, sich endlich zu bekennen, reden zu dürfen, war im Moment eine große Erleichterung, die mir auch die verzweifelte Kraft gab, Ordnung in mein Privatleben zu bringen, mich überall ehrlich zu machen, die mich auch wieder schreiben ließ. Aber dieser bärbeißige Elan ist verpufft. Katzenjammer. Ich begreife, daß ich auch mit öffentlicher Zerfleischung, mit lautem Nachdenken nichts ungeschehen mache, daß keiner meiner Freunde das Instrument hat, mich aus meiner Schuld zu befreien. Ich muß damit die nächsten Jahre, die nächsten auch und wieder nächsten, klarkommen. Das ist keinesfalls eine heldenmütige Pose, die ich jetzt einnehme, ich fühle sehr unmittelbar eine Übelkeit vor mir selbst, die nur kurz immer nachläßt, spüre, und das zermürbt mich, den dauernden Verlust der Kompetenz, anderen Fragen zu ihrer Biographie zu stellen, überhaupt zu sprechen, zu schreiben etc. Die Frage, ob es mir noch möglich ist, als Journalist zu arbeiten, ist damit keine nach dem „Dürfen“ im Sinne behördlicher Erlaubnis, nach Besichtigung meiner Akte, sondern eine ganz reale nach dem „Vermögen“.

Ich hatte gestern ein Gespräch mit meinem Zirkelleiter K.D., der noch ganz unter dem Eindruck der entdeckten Stasi-Verpflichtung seines Freundes Rainer Schedlinski stand. Als ich mit D. ein Interview vereinbarte, weil mich seine Sicht auf die Debatte um die Schuld der Dichter interessierte und eine Antwort auf die Frage, ob man sich denn derzeit überhaupt noch über Literatur unterhalten könne, war mir noch nicht klar, daß ich gar nicht befugt war, D. so zu befragen – mit meiner Biographie im Hinterkopf wäre das praktizierter Zynismus gewesen. (Ich stelle mir vor, die Leute, vor denen ich mich deswegen schämen müßte, weil ich sie mag, hätten dies Interview in der „Jungen Welt“ gelesen.) Ich hatte am Freitag C. um Rat gefragt, und auch sie meinte, wovon ich nach einer Nacht schlechten Schlafes überzeugt war: Zunächst würde ich D. meine eigenen Verwicklungen erzählen müssen, um dann zu sehen, ob ein Interview überhaupt noch möglich ist. So geschah es, D. warf mich immerhin nicht raus, so grundsätzlich enttäuscht von Schedlinski, konnte ich diesem müden Mann mit meinem Geständnis nicht mehr erschrecken.

Wir einigten uns (nach einem Gespräch, in dem allerdings die Themen berührt wurden, die auch Gegenstand eines Interviews gewesen wären), keinen Artikel über unsere Unterhaltung erscheinen zu lassen. Wie wird das aber in Zukunft sein? Meine Ratlosigkeit, wie ich dann mit der nötigen Unbeschwertheit (denn die dauernden Fragen an mich selbst verdichten sich zu einer Schreibhemmung) zum Schreiben kommen soll, wird selbst in Frage gestellt von gleichzeitig einer Wut, mit der ich ablehne, ein Leben lang in Sack und Asche herumzulaufen. (Abgesehen davon, daß mir täglich vorgemacht wird, wie wenig zutunlich so eine Buße überhaupt ist und wieviel besser jeder fährt, der seine Schuld kühl Schuld sein läßt und sich – heißa! – in das einträgliche Leben stürzt.) Ich dachte, ich sei gelassener, bescheidener geworden, es ginge mir besser mit einer konsequenten Ehrlichkeit, aber momentan lebe ich damit sehr viel schlechter. Was keine Schuldzuweisung an die Freunde ist, die doch jetzt alle mal mich umarmen, aufheitern, trösten sollen, es ist einfach eine Konkursanmeldung meiner eigenen Fähigkeiten, mit dem Geschehenen auf irgendeine Weise vernünftig zu leben.

Sicher spielt dabei die größte Rolle, daß ich niemandem, auch mir nicht, recht erklären kann, was damals eigentlich vorgefallen ist. Es gab keine rationalen Gründe, die abgewogen worden wären vor einer Unterschrift (und die lassen sich auch nicht nachträglich transplantieren), es gab keinen Zwang. Hätte ich nicht gewollt, ich hätte nicht gemußt, man drohte mir zumindest keine Sanktionen an und ich kenne persönlich niemanden, der nach einer Ablehnung Schaden erlitten hätte. Jetzt frage ich mich, welche Frage die genaueren Antworten ermöglicht: Die nach dem „Warum hast du denn unterschrieben?“ oder die „Warum hast du denn das nicht von Dir gewiesen?“ Vielleicht hilft mir die letzte eher weiter. Allerdings fürchte ich mich vor dem erschreckenden Eingeständnis, mir sei (zumindest damals?) Opportunismus so wesenseigen, daß mir Skrupel gar nicht kommen konnten. Das wäre mir aber immer noch zu einfach. Sicherlich immerhin läßt sich diese Stasi-Unterschrift nur als der (konsequente?) Gipfel eines Lebenslaufes ausmachen, der ganz woanders langlief als z.B. Deiner, mithin blättere ich meine ganze Vergangenheit für mich durch, die aber nicht dadurch besser erklärbar wird, daß ich heute gewonnene moralische Schablonen anlege. Ich habe schließlich einmal gedacht, ich täte gute Dinge klugen Geistes, alles entspränge auseinander – und damit würde ich ja auch immer wieder bestätigt. Ich kann noch nicht erklären, was mich das Motto „Zweck heiligt Mittel“ so verinnerlichen ließ, immer habe ich ja ganz pragmatisch gehandelt, mit dem nüchternen Ziel, aus einer gegebenen Situation noch das Beste zu machen.

Vielleicht ist „Verinnerlichung“ ein gutes Wort. Ich habe mich aus dem politischen Mobiliar der DDR bedient, mich damit innerlich ausgestattet, mir das zum Eigentum gemacht, was ich mir dann verteidigen zu müssen einbildete. Dieses Bestreben ist sicher ausgelöst von meinen Eltern. Einmal begonnen, JA zu sagen zum Status quo, habe ich weiter und weiter passende „Möbelstücke“ für meine innere Wohnung gesucht, unpassende aussortiert, sie abgelehnt. Dabei bin ich immer bestätigt worden, habe mich bestätigen lassen. Daß ich mich so „verantwortlich“ fühlte für die lächerlichsten Dinge (FDJ etc.) war vielleicht eine Abwehrhaltung, um mir das Angeeignete nicht wegnehmen zu lassen. Weil ich dann auch nie etwas meinem Weltbild schockierend Entgegengesetztes (z.B. guter Freund wird von der Stasi abgeholt, Verwandte gehen vor meinen Augen in den Westen) erlebte, konnte ich die leiseren Zeichen dafür, daß ich mir etwas vormachte, ganz gut wegstecken. Dabei hielt ich mich noch für kritisch, diese Zeichen zu sehen und sarkastisch darüber zu schwatzen (Sputnik-Verbot, Wahlen 89). Aber ich habe nie Konsequenzen gezogen, ich hätte mich ja selbst völlig infrage stellen müssen, das widersprach meiner Sehnsucht nach Sicherheit. Bewußt durchgeholt habe ich das damals nie, deswegen glaube ich auch nicht, wirklich böse zu sein, wenn auch schuld.

Jetzt überlege ich wieder, ob das bisher Geschriebene eigentlich „wahr“ ist, ob es mich denn wirklich zu erklären vermag. Denn, so gesehen wäre alles bisher Gelebte für mich wertlos, ich könnte 23 Lebensjahre annullieren. Gleich falle ich ins andere Extrem. Doch ist ja aber Leben passiert in dieser Zeit! Auch wir beide haben geredet miteinander, und nicht bloß in Zynismen. Das heißt, daß doch noch etwas anderes gewesen sein muß, ein Potential zum ehrlichen Leben. Oder war das nur die private Entsprechung davon, der „großen“ Macht gefallen zu wollen? Es schaut nach Schizophrenie aus, wenn ich sage, daß ich immer beiden zugehören wollte: Den ehrlichen, kritischen Freunden, die ihre erklärten Distanzen hatten zu diesem Staat, und andererseits den Strukturen der Macht – sei es auch nur, um mir selbst zu beweisen, mich zu beruhigen, daß das doch geht, beides, und daß wir doch alle eigentlich das Gleiche wollen. Ja, ich wollte immer wichtig sein, irgendwie teilhaben an der Macht, „gesellschaftliche Anerkennung“ genießen, als Ersatz und/oder im Gegensatz zur Anerkennung der Freunde, deren ich nicht viele hatte. Mich hat das „Herrschaftswissen“ immer gereizt, jener Vorsprung an Kenntnis, der sich ausnutzen ließe (und sei es nur, um für sich selbst eine bessere Erklärung der verwirrenden Welt zu finden), potentiell. Verschwörung, Geheimbund, wie die Absprachen auf dem Schulhof, nach denen die Gruppen in der Klasse sich teilten. Eingeweihtsein! Ich glaubte, dieses Wissen mache mich interessant.

Das sind bisher alles sehr zaghafte Ansätze, die mich noch nicht sicherer machen. Nicht gerade erleichtert wird mir die Arbeit dadurch, daß mir die eigene Geschichte zusehends durch die Hände rinnt. Meine Welt in der DDR war geordnet, was nicht paßte, wurde souverän verdrängt. Erklärungen waren immer zur Hand und überzeugten mich selbst. Das alles zerläuft im Rückblick zur Unkenntlichkeit. Was ist denn geblieben von dieser „Überzeugtheit“, dieser argumentativ bewaffneten Religiosität? Damals hielt ich mich für einen Linken, was bin ich denn jetzt? Hat diese DDR-Zeit denn keine Prägungen bei mir hinterlassen, die ich mir noch frei zugestehen würde? Ich habe mir doch immer eingebildet, nicht nur aus purer Karriereeitelkeit in dieser SED zu sein. Es muß doch etwas bleiben von dem, was ich damals für ganz richtig hielt. C. wunderte sich immer, wie ich in der DDR habe Journalist werden können, sie wundert sich weiter, wie ich das jetzt noch wollen kann. Bin ich tatsächlich ein vollsystemkompatibler Opportunist, wo immer man mich hinsetzt? Ich weigere mich, das zu glauben.

In diesen Tagen, da sich mit verblüffender zeitlicher Parallelität zu dem, was sich in mir abspielt, die Öffentlichkeit wegen der Stasi-Thematik zerreißt, wage ich kaum einzuwenden, daß ich dieses Ausmaß der Bespitzelung nie gekannt habe – aber ich habe davon nichts gewußt. Die Stasi war, nenn mich naiv, aber woher sollte ichs haben, in meinen Augen nie der Krake, als der sie jetzt erscheint, ich lebte nie in einer Bedrohung und habe ihr nicht widerstehen müssen. Ich stimme ja zu, wenn der moralische Imperativ in der DDR heute so formuliert wird: Alles mögliche durftest du tun, Dich aber mit der Stasi einzulassen, war eine Übertretung. Das sehe ich jetzt auch, aber ich bin eben erst schuldfähig geworden, indem ich das annahm. Ich hielt es für das Märchen eines Neurotikers, wenn Jürgen Fuchs im Fernsehen die Stasi bezichtigte, ihm die Radmuttern seines Autos gelockert zu haben. Das ging mir nicht ein, wir waren doch automatisch die Guten! Und die, die auffielen, waren für mich Leute wie Krawczyk, die nicht singen konnten, scheinbar einfach nur verbittert waren und mit „uns“ nicht mehr reden wollten. Ich glaubte immer daran, daß sich schon alles richten ließe, wenn wir nur miteinander redeten. (Wir wollten doch, meinte ich, das Gleiche!)

Für mich sollte alles harmonisch und sicher sein. Ich bemühe mich die ganze Zeit, heraufzuholen, was die Stasi für mich darstellte, vor der Verpflichtung. Sie war, sicher, etwas Anonymes, von dem ich nur ungenau wußte, was sie eigentlich macht, ich hatte nur einmal Berührung mit ihr. Da kam jemand mit Klappkarte, der sich als Kriminalpolizist vorstellte, und wollte von mir etwas wissen zum Abend zuvor, als ich mit Schulkameraden in einer Lesung in einem Café saß und ein junger Mann alles laut abtat, „staatsfeindliche Äußerungen“ tat und uns zu einer Lesung „richtiger Literatur“ einlud. Ich wäre dort nie hingegangen. Am nächsten Tag aber fragte mich der Herr mit der Klappkarte, wo es gewesen sein sollte etc. Einer meiner Schulkameraden hatte meinen Klassenleiter, der gleichzeitig Parteisekretär war, von der Sache erzählt, und der ging wohl hin und alarmierte die Stasi. Ich habe damals in meiner Naivität (ich glaubte zunächst wirklich, der Mann sei von der Kripo) alles erzählt, was ich wußte – viel war es nicht. Einige Jahre später erzählte mir ein Mitschüler aufgeregt, wie er verhaftet worden wäre, mit vielen anderen, auch andere Bekannte erzählten mir so etwas, es ging nie um „ernste Dinge“, meist waren es Polizeischikanen gegen Tramper o.ä. Ich nahm das nicht so wahr, hörte dem zwar zu, war aber eben nur froh, daß mir so etwas nicht passierte, nicht passieren konnte. Was mich nicht davon abhielt, mit Freunden darüber zu reden, auch über viele andere Idiotien in der Armee, in der Innenpolitik etc. Mit meinem Freund M. schickte ich mir Briefe, die innerhalb des Kuverts noch in einen anderen Umschlag verpackt wurden, auf den wir das Verfassungszitat „Post- und Fernmeldegeheimnis ist unantastbar, liebe Genossen!“ schrieben – was für M. vielleicht existentiell war, fand ich nur komisch.

Du wirst sicher sagen, mein lieber Jens, nun tu mir mal nicht so, Du warst doch ein schlaues Bürschchen, erzähl mir nicht, Du hättest nichts bemerkt von der Abwesenheit offenen Sprechens, von der Zensur, vom „großen Bruder“. Doch, ich sah das, und das Sputnik-Verbot z.B. hat mich maßlos empört. Weil es aber nicht schwierig war, im privaten Bereich die öffentlichen Verbote aufzuheben, darüber zu reden – in Schwerin z.B. – hat mich das nicht zu weiteren Konsequenzen geführt. Eine unmittelbare Betroffenheit minderte sich immer ab im leisen Groll, ich fand das alles nur idiotisch und lebte „unterhalb“ der Konfliktebene weiter. Es muß in mir einen funktionierenden Mechanismus gegeben haben, der den Informationen die Sensation nahm, der mich unbeeindruckt überleben ließ. Natürlich habe ich auf Gorbatschow gehofft, eine Chance, freie Rede zu drucken – für mich war es immer nur eine Frage der Zeit, wann das auch „bei uns“ durchschlug und ermutigte mich, Journalismus zu studieren, immer meinte ich, mit meiner Generation werde es anders mit den Zeitungen. Honecker ’87 in Bonn war irgendwie auch eine Ermutigung, also mußte doch dieser, mein Staat ganz notabel sein, es lohnt sich für ihn, der mir lange nicht fertiggestellt schien, zu arbeiten. (Die Verwendung von Propaganda-Parolen hier ist mir durchaus nicht peinlich, damals hätte ich so geredet.)

Ich fand die Idee DDR immer ganz pfiffig, mich störte die Idiotie ihrer Vertreter, aber das ließe sich abstellen, dachte ich, und fühlte mich verantwortlich. Die einfache Verweigerung viele meiner Klassenkameraden, die sicher keine große Tat war, nur gesunder Menschenverstand, empfand ich immer als Brüskierung einer gemeinsamen Sache. Alle schienen bloß nicht richtig mitmachen zu wollen, das ärgerte mich. Daß das nicht klappte, schien mir auch daran zu liegen, wie dämlich sich die FDJ- und SED-Mittleren und Oberen betrugen, das ging doch besser, spannender und so. Ich wollte es dann gleich selbst machen. Später ließ diese Begeisterung sicher sehr nach. Ich fand dann, wenn wir schon zusammen ins gleiche Boot (= ins gleiche Seminar, ins gleiche GST-Lager, in die gleiche Versammlung etc.) gesetzt waren, sollten wir noch das beste für uns draus machen. Die Ausgangslage infrage zu stellen, auf die Idee kam ich nicht. Es war auch nie ein Gedanke daran, nach dem Westen zu gehen, wenn es hier nicht mehr klappt. Ich wollte mich hier einrichten, und zum Schluß war ich selbst ein einziger Kompromiß. Und damit völlig kompromittiert.

Als mich die Stasi in Gestalt eines Majors der „Verwaltung 2000“, des militärischen Abschirmdienstes als Arm der Stasi in der Armee, in Strausberg ansprach, fiel bei mir eben nicht sofort und automatisch eine Klappe, auf der „Das tut man nicht“ geschrieben sein sollte. Ich sah das, soweit ich mich erinnere, gar nicht moralisch; es ging in diesem Moment ja auch nicht unmittelbar um die Überwachung und Bespitzelung von Freunden von mir, sondern um eher unverbindliche Aussagen darüber, ob dieser oder jener in der Freizeit leichtfertig über „dienstliche Angelegenheiten“ redete. Ich mußte mich nirgendwo einschleichen, keine Szene unterwandern und keinen ins Messer laufen lassen, damit man ihn wegsperren konnte. Ich war eben nicht gegen „feindlich-negative Kräfte“ eingesetzt, sondern gegen Leute, die gleich mir ihren Dienst in Strausberg schoben, abends einen trinken gingen und freitags auf die Disco ins „Landhaus“. Ich erzählte eben, was ich wußte – daß die sich dort völlig normal verhielten und gar nicht darauf aus waren, nun dem Nächstbesten von der letzten „Geheimen Verschlußsache“ zu erzählen. Irgendwie war ich auch stolz darauf, die da mit mir befreundet waren, in einem guten Licht darstellen zu können.

(Exkurs: Das muß ich Dir aufschreiben, Hitchcock ist ein Dreck dagegen – eben sammeln sich die Krähen am Himmel vor meinem Wohnheimfenster, im Hintergrund der Landschaft ist eine große Müllkippe, die die Vögel allabendlich verlassen, um eine andere Deponie im Norden der Stadt anzufliegen. Hinter einer Häuserecke kommen mehr und mehr der Tiere hervor, ein lockerer Strom, der kein Ende zu nehmen scheint, ab und zu spaltet sich ein Wirbel von dem großen Zug ab, dreht sich ein, schließt sich hinten wieder an. Es müssen zehntausende sein, Hilbig hat das, glaube ich, mal beschrieben. Ich fühle mich bedroht. Der Zug ist mehrere Kilometer lang, zehn Minuten, eine Viertelstunde dauert es, bis alle Vögel abgezogen sind.)

Orientiert wurde ich ja immer darauf, als Journalist, der ich zu werden hoffte, von möglichen Auslandstouren auch Nutzen für den Geheimdienst zu ziehen. Das gab natürlich abenteuerliche Assoziationen. Ich war infiziert vom Mythos Geheimdienst. Ich bin dann Stufe für Stufe hineingezogen worden, die Hemmschwellen sollten so geringer werden. Ich habe mir das rational nie verklickert, wie sehr mich das wirklich belastete, die verdrängten, richtigen, guten Gefühle holen mich auch jetzt erst voll ein. Es ging nicht, daß ich sagte, die Spitzelei stehe ich seelisch nicht durch, das ist Schuld der Spitzelei, also sag dem Mann, dem du das zuträgst, daß Du aufhören willst. Ich versuchte auszuweichen, redete mich mit dem Studium in Leipzig heraus und wagte nur leise anzudeuten, wie es mir ging. Der „Führungsoffizier“ (auch ein Wort, das ich erst nach der „Wende“ lernte) beruhigte mich allezeit, suchte mir immer den Eindruck zu vermitteln, daß alles nicht so schlimm sei, keine Eile habe und ich mich, nana, nicht gehenlassen sollte. Man nahm also, und ich erkenne das heute als fatale Cleverness, den Druck etwas weg, auf daß ich meinem eigenen Gefühl, aufhören zu müssen, nicht mehr traute. Man nahm gar nicht wahr, daß es mir schlecht ging, man ließ alles verpuffen, das war Strategie, die man heute auch nachlesen kann. („Geschützte Quelle“.)

Ich träume heute, ich wäre nie dazu gekommen, meine Unterschrift zu machen, und ich wäre jetzt „sauber“. Die Alptraumvariante des Themas ist die Vorstellung, was geschehen wäre, hätte mir die „Wende“ nicht alle Entscheidungen aus der Hand genommen. Es ist jämmerlich. Und wenn ich Schedlinskis Einlassungen in der FAZ lese, wird mir ebenfalls übel. Es gibt keine Solidarität der IMs, mit der angenommenen Schuld ist sowieso jeder allein. Das Beispiel Anderson, der seine Arbeit mit immer verworreneren Interviews in noch einen philosophischen Zusammenhang stellen will, stößt mich ab. Ich kann das verstehen, was z.B. Schedlinski darüber sagt, was man sich als IM vormachte (etwa, der Stasi zu zeigen, daß die Objekte ihrer Beobachtung doch tolle Typen sind, die etwas Anständiges und nichts Böses tun), aber das bringt mich ihm nicht näher, und das verstärkt eigentlich noch das klägliche Bild, das ich von mir selbst habe.

Letzten Freitag schlug ich „die wärme die kälte des körpers des andern“, diese Anthologie auf und landete sofort (ein Zeichen?) bei einem Schedlinski-Gedicht. Ich mochte seine Texte immer sehr, sie waren ein Anhalt für mich. Was bleibt jetzt überhaupt noch? Viele der Orientierungspersonen sind völlig diskreditiert, vor allem ihrer Unehrlichkeit wegen, die sich mit idiotischer moralischer Selbstüberhebung paarte. Umso größer die Fallhöhe. Und: Welche Kompetenz habe ich denn, das zu kritisieren? Jetzt sitze ich mit diesen Leuten in einem Boot – und sie mit mir. Und keiner will den anderen ansehen. Einmal wollte ich einen Artikel schreiben, zu dem ich dann keine Kraft hatte, Überschrift „Wir, die wir gespitzelt haben.“ Was für ein WIR! Ein anonymer Plural, ein schrecklicher, tödlicher Schulterschluß. Was sind wir für eine schlimme Gesellschaft. Geballter Mangel an Zivilcourage, kollektive Abwesenheit eines moralischen Gerüsts, klägliche Ausreden. Und keiner redet, bis nicht seine Akte im STERN abgelichtet ist und Lutz Rathenow vor laufenden Kameras einen Veitstanz gespielter Wut aufführt über den Verrat. Was sind wir für Leute, die wir durch unser Versagen einer zweitklassigen Knalltüte wie Rathenow ermöglichen, sich als die Inkarnation der anderen, besseren Literatur aufzuspielen, die wir einem eitlen Fatzke wie Biermann die Werkzeuge erst reichen, mit denen er genüßlich alles zersäbeln kann, was über seinen literarischen Horizont geht. Der Stasi-Vorwurf ist der Totschläger in den Fäusten der publicitygeilen Zukurzgekommenen, und wir haben ihn gestiftet. Darf ich das jetzt so sagen? Was darf ich überhaupt noch sagen? [Nachname d. Verf.] ist disqualifiziert. Und die Form des ehrlichen persönlichen Gesprächs fast bankrott. Fast. Was noch übrig ist, wäre eine Chance.

Natürlich ist noch nichts erreicht beim bloßen Darüber-Reden. Was ändert das auch? D. zuckte gestern mit den Schultern, er weiß keine Lösung, er kann nichts anfangen mit den grotesken Akten öffentlicher Buße, auch nichts mit den Helden des Verzeihens, die ihren Segen auf die armen Verfehlten herablassen. Und ich verstehe ihn ja. Und ich weiß nicht weiter. Vielleicht wäre es besser zu schweigen, nachdem man gestanden hat.

Ich merke eben, daß ich das eingangs gemachte Versprechen, einen Tröstebrief verfassen zu wollen, nicht einhalten kann, sieh mir das bitte nach, aber es geht nicht anders. Die Souveränität, von der aus ich so sprechen könnte, habe ich derzeit nicht. In meinem Schädel nebelt so eine Müdigkeit des Denkens alles ein, ich verschiebe alle Aufgaben auf den jeweils nächsten Tag und mag mich nicht anstrengen, lieber sitze ich am Computer und spiele. Meine Aufmerksamkeit ist ganz gestreut. Bin schon froh, daß ich nach mehreren Anläufen diesen Brief bis fast zum Ende aufgeschrieben habe.

Morgen fahre ich nach Dresden, ein Freund von mir hat eine Ausstellung im Hygienemuseum: Drogeriewerbung in der DDR. Das ist der Typ, der meterhohe TELE-LOTTO-Männchen und ein Kaufhallen-Logo in der Küche aufgebaut hat. Ich freue mich auf den Ortswechsel, der mich immer antreibt, etwas zu tun, diesmal eben einen Artikel über die Ausstellung zu schreiben. Ich kann der JW ja nicht immer Absagen machen wie bei dem D.-Interview. In diesem Falle hatte ich meine Redakteurin aber vorbereitet, sie kennt mich mittlerweile ganz gut, was allerdings einschließt, daß sie nicht mehr vorbehaltlos von meinen journalistischen Fähigkeiten begeistert ist. Hat aber auch Gutes, man gesteht mir zu, auch einmal etwas nicht zu bewältigen.

Am Wochenende fahre ich dann wieder nach Berlin, vielleicht treffe ich C., um eine „Generalaussprache“ dann, vor der ich Angst habe, denn inzwischen haben wir uns bereits eingestanden, daß das Vertrauensverhältnis, spätestens nach der merkwürdigen Adventsfete, beschädigt ist. Ich weiß nicht, was für mich wird mit dieser Frau, der ich so viel Ermutigung verdanke, die ich, halb eingestanden, halb nicht, liebe, die ich bewundere. Es wäre schwer für mich, auf das Reden mit ihr verzichten zu müssen.

Soweit, so geht’s mir. Ich hoffe, wir können uns bald wieder sehen, ob in Berlin oder in Potsdam, ich wäre sehr froh. Meld‘ Dich bald!

Ich umarme Dich –
Jens

In Freundschaft und Traurigkeit

Lieber Jens,

hab erst einmal vielen Dank für die Fotos, die Du uns geschickt hast.
Und entschuldige bitte, daß ich mich so lange nicht bei Dir gemeldet habe. Meine neue Beschäftigung, Studentin zu sein, hat mich daran gehindert, alles schneller gründlich zu bedenken.

Bitte erwarte jetzt nicht, daß ich in diesem Brief ausführlicher werde – alles, was jetzt zu sagen ist, möchte ich mit Dir besprechen und nicht schreiben. Ich habe nichts entschieden, ich frage mich, ob ich überhaupt etwas zu „entscheiden“ habe. Ich möchte Dir sagen, daß ich Deine Entscheidung, Dich auszusprechen und zu stellen, sehr bewundere. Ich hoffe sehr, daß Dein mutiger Schritt vor allem Dir, aber auch uns helfen wird. Ich denke in Freundschaft und Traurigkeit oft an Dich. Ich empfinde jetzt keine Wut.

Ich möchte Dich herzlich bitten – auch in Lewis‘ Namen – zu uns zu kommen. Mit ausreichend Zeit. Wie wäre es mit dem Freitag nach Weihnachten? (Ist wohl der 27.12.) Wir kochen irgendetwas Schönes und trinken eine Menge Wein und Whisky. (Lewis fliegt am 6.1.92 schon zurück.)
Wir sind aber auch für andere Termine offen, ab 2. Feiertag haben wir bis jetzt noch nichts vor. Leider haben wir kein Auto mehr und sind deswegen nicht mehr so mobil.
Uns geht es sehr gut. Aber wir sind auch sehr traurig wegen der bevorstehenden langen Trennung.

Wir würden Dich beide sehr gern sehen und sprechen. Ich möchte Dich sehr gern wiederhaben. Was dann mit uns ist, werden wir sehen. Leg alle Scheu und Ängstlichkeit ab, Du brauchst Dir keinen Mut zu machen, um kommen zu können. Es erwartet Dich kein Tribunal.
Willst Du? Und kannst Du auch? Oder verbringst Du den Jahreswechsel in Italien? Schreib uns, wann Du kommen willst, damit wir einkaufen und ein Bett bauen.

Ich freue mich auf Dich. Sei auch herzlich von Lewis gegrüßt!
Ich umarme Dich!
Katharina

Potsdam, 17.12.91

Angst stärker als Vertrauen

BERLIN, 22.11.

Liebe Katharina,

dies ist keinesfalls eine besonders dumme Art, Dich zu bestechen – die Fotos hätte ich Dir, wie versprochen, auch geschickt, wenn nicht so viel zwischen uns stünde. Nur ein Zeichen, daß ich weiter hoffe, wir gingen nicht ganz auseinander. Du weißt, daß Du immer meine beste Freundin gewesen bist: Ich weiß genauso gut, daß damit umso schwerer wiegt, daß ich Dich belogen habe. Erst jetzt beginne ich, für mich mit den Umständen abzuschließen, da Angst stärker als Vertrauen war. Bitte glaub mir, daß ich es mir dabei nicht einfach mache. Es gibt für mich jetzt mehr Freunde als früher, vor denen ich mich schämen müßte, wenn ich anders handelte. Könntest Du dazugehören, würde mir das sehr, sehr helfen – obwohl ich nicht eigentlich wage, Dich darum zu bitten. Wenn wir nur weiter – oder wieder? – miteinander reden könnten. Auf den Zyniker […] würdest Du allerdings verzichten müssen.

Ich grüße Dich und Lewis,
was auch immer sein wird.
Jens

PS: Meine Amerika-Pläne haben sich erstmal zerschlagen, daß Stipendium ist abgelehnt.

Ich bin ein Denunziant

BERLIN, 7.10.

Liebe Katharina!

Du weißt, daß ich nie ein mutiger Mensch war. Daß ich diesen Brief schreibe, brauchte zwei Jahre und den wahnsinnigen Schmerz, daß ein Mensch, den ich liebe, mich nun verachten muß: Wegen dieser zwei Jahre Lüge und wegen der Wahrheit, über die ich jetzt zu reden vermag. Ich habe auch Dich belogen, und, ich erinnere mich gut, ich habe Dir auf eine Frage ausdrücklich falsch geantwortet und nicht nur einfach geschwiegen. Katharina, ich bin ein Denunziant, ich war von 1988 bis praktisch in den Sommer des letzten Jahres der existierenden DDR 1989 informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, und das mußt Du jetzt wissen, wie es alle wissen müssen, die bisher meine Freunde waren, und die ohne dieses Wissen meine Freunde nicht mehr sein können, und vielleicht können sie das auch mit diesem Wissen nicht, es steht ihnen frei. Ich habe immer versucht, dieses letzte Eingeständnis nicht zu machen, ich glaubte, die Erfahrung könnte eingekapselt werden, an Bedeutung verlieren, und ihre Erwähnung wäre schädlicher als ihr Verschweigen. Ich sehe jetzt, daß ich mich damit verbogen habe, und daß nichts mehr ehrlich an mir war. Ich schreibe Dir, noch ehe ich der Frau schreibe, die ich damals, 1988, bespitzelt habe, die ich sehen muß, damit sie mit mir reden oder mir ins Gesicht schlagen kann. Ich schreibe Dir, weil Du meine beste Freundin warst, und diese Lebenslüge Dich am betroffensten machen wird, ich schreibe Dir, weil in den Tagen, in denen ich Euch in Potsdam besucht habe, sich etwas zu lösen begann in mir, ich zu begreifen anfing, was ich tat, was ich für Schuld habe. Von Anfang an.

Ich habe Dir erzählt, daß ich in meiner Armeezeit Zeichner im Verteidigungsministerium war. Ich habe geheimste Dokumente bearbeitet, und deswegen hat der Militärische Abschirmdienst, der sich in der Armee „Verwaltung 2000“ nannte, auf mich und die anderen Zeichner besonders aufgepaßt. Bei den vierteljährlichen Sandkastenspielen in Strausberg begegneten mir diese Leute, die Stasi in der Armee, und, grotesk, sie hatten wirklich alle große Nasen und große Ohren. Ich wurde von einem dieser Leute, der hieß K., angesprochen und zum Kaffee eingeladen. Ich wußte genau, wer er war, und ich hätte wahrscheinlich ohne größere Konsequenzen ablehnen können. Ich habe mich dann nicht eigentlich entschieden, ich war stolz, daß ich für wichtig erachtet wurde, von einem Geheimdienst ins Vertrauen gezogen zu werden, und ich habe keinen Moment abgewogen, was für menschliche Skrupel dem entgegenstünden. Ich war einfach auch geschmeichelt. Ich bin dann zur Verabredung gegangen und wurde rundheraus gefragt, ob ich für das Ministerium f. StaSi arbeiten wolle. Und ich hätte immer noch nein sagen können, ich tat es nicht, weil ich mich so wichtiggenommen fühlte. Ich unterschrieb eine Verpflichtungserklärung, und mir wurde gesagt, ich solle einen Decknamen vorschlagen.

Vielleicht kommt meine Haltung zu der Sache zum Ausdruck, daß ich kokett den Decknamen EGON KISCH wählte. Später habe ich mich dann, unter vorsichtigen Vorkehrungen, Termine mit dem Majoren vereinbart [Original, nicht berichtigt], immer in einer konspirativen Wohnung, an deren Klingel der Name H. stand, nahe des Bahnhofs Strausberg-Stadt, sparsam möbliert, ein Zimmer, hinter einem Vorhang eine kleine Kücheneinrichtung, Kaffeemaschine, in den Bücherregalen Kundschafterliteratur. Wir trafen uns dort, und mein Auftrag war, ich sollte eine Gruppe von mit mir befreundeten technischen Mitarbeitern (alles Berufsunteroffiziere, Vervielfältiger, Fotografen) zu deren Freizeitveranstaltungen begleiten (Disco meist), um rauszufinden, ob die Leute dort über dienstliche Sachen redeten, also vielleicht „Sicherheitsrisiko“ waren. Ich hatte kein Problem, moralisch nicht, weil ich so „Spionageabwehr“ für ganz legitim hielt und auch wußte, daß die Freunde „draußen“ nicht über geheimes Material reden würden, ich sie also auch nicht würde verraten müssen, und „technisch“ nicht, weil ich anerkannt war von den Freunden und die mich mitnahmen, als ich das wollte.

Soweit kam ich persönlich auch zurande. Dann saß eines Tages ein milchgesichtiger Typ aus Berlin mit am Tisch, der interessiert war, mich zu „übernehmen“, wenn ich die Armee verlassen sollte. Er malte mir aus, wie wichtig es wäre, daß ich als künftiger Journalist für den Geheimdienst arbeiten würde, wie ich von Auslandsreisen Material mitbringen könnte, den Beruf nutzen könnte, um dem Land zu nutzen. Ich fand das spannend, keinen Moment fiel mir ein, daß ich bei alldem mit Menschen zu tun hätte, sie systematisch belügen und verraten müßte.
Ich habe für mich das auch noch nicht deutlich machen können, was mich auch jetzt trieb, nicht nein zu sagen, sondern einzuwilligen. Es war keine echte Entscheidungssituation für mich, und von heute aus kriege ich vorerst nicht klar, was mich bewegt haben muß – ich habe es auch nicht zum Problem gemacht, das ging erst, als ich emotional geschockt wurde (jener Plenzdorf-Film, Leute, deren Leben durch die Stasi versaut worden war: du, U., C. …), das haut die Kerbe in die glatte Biographie, an der man alles nun aufreißen kann.

Kurz vor meinem Studienantritt in Leipzig traf ich mich in Berlin, in einer anderen Wohnung nahe Weißensee, in der aber eine ältere Frau lebte, die uns immer Kaffee und Kuchen bereitstellte, mit, glaube ich, drei Leuten von der Berliner Stasi, unter ihnen jenes Milchgesicht, das mein „Führungsoffizier“ werden sollte. Er arbeitet heute als Redakteur beim „Berliner Kurier“, hat schon dort angefangen, als der noch BZA hieß.

Als ich ihm das erste Mal, ich glaube Anfang ’90, in der Redaktion wiederbegegnete, war ich erschrocken, wir gingen aneinander vorbei und haben uns auch nie mehr gesprochen, ein knappes „Guten Tag!“ war alles. Diese drei Leute gaben mir einen neuen Auftrag. Man zeigte mir ein Paßbild einer Frau. T. Die bekam häufiger Besuch aus Westberlin, ich glaube, von Jusos, und die erschienen der Stasi von Interesse, um Informationen aus dieser politischen Richtung zu bekommen. T. war das Vehikel, um an diese Leute heranzukommen, und ich war das Vehikel, um später wohl „professionelleren“ Stasi-Arbeitern die richtige Kontaktanknüpfung an die Jusos zu überlassen.

Ich sollte zu ihrem Haus gehen, dort erst mit anderen Leuten sprechen, um nicht aufzufallen. Man hatte mir vorgeschlagen, mein Vorwand sollte sein, ich wolle eine Reportage über ganz normale Leute eines ganz normalen Hauses machen, und zufällig sei meine Wahl auf dieses getroffen. Ich habe dann auch mehrere Interviews gehabt mit Einwohnern da, peinliche Sachen, weil mich alles nicht wirklich interessierte, ich nur immer daran denken mußte, daß es nur ein Vorwand war. Dann habe ich der T. erst geschrieben, die Antwort nicht abgewartet, sondern sie gleich besucht, geschiedene Frau mit einem Sohn im Schulalter, die begeistert war von meiner angeblichen Absicht, wir verstanden uns sofort toll, haben uns Spiegeleier gebraten, sind in den Literaturklub gegangen. Ich habe kein Interview mit ihr gespielt, wir haben uns so unterhalten, und diesmal und später habe ich ihr eigentlich mehr von mir erzählt, als ich von ihr erfahren habe. Ich traf mich mit dem Führungsoffizier in einer Gaststätte nahe meiner Wohnung, erzählte, daß ich sie kennengelernt hatte, und er sagte mir, daß wir gut vorankämen.
Diese verbale Belohnung zerstreute meine Furcht: Die ich generell habe, Leute kennenzulernen, zumal nur unter einem Vorwand kennenzulernen, und damit verbundene aufkommende Schauer: Ich konnte T. gut leiden, und ich mußte sie verraten. Habe ihre Familienverhältnisse für den Offizier geschildert, sie wie zur Rechtfertigung immer gelobt dabei.

Aber von Mal zu Mal fiel es mir schwerer, hinzugehen, und ich war immer erleichtert, wenn der Termin verschoben werden mußte, wenn ich das Studium in Leipzig vorschützen konnte oder T. Beschäftigung. Dem Führungsoffizier reichte aber die Versicherung, ich sei nun gut bekannt mit T., und früher oder später säße ich bestimmt einmal in einer Runde mit jenen Westberliner Studenten. Er beruhigte mich, als ich Mal für Mal mehr davon erzählte, welche Schwierigkeiten mir der „Auftrag“ mache. Ich quälte mich mit Ausreden, die ihn überzeugen sollten, aber ich wollte das nicht weitermachen, ich war zu feige, jetzt nein zu sagen, wo ich schon so oft ja gesagt hatte. Der Offizier nahm meine wachsenden Skrupel nicht schwer, beruhigte mich nur immer, das werde schon. Ein Zwischenspiel gab es noch, ich sollte während der Märzmesse 1989 nach Leipzig fahren, um eine junge Frau (Westberliner Junge Union), die Hostess war an einem TOSHIBA-Stand, kennenlernen, einfach um eine „Legende“ zu testen: Offenbar hatte man zuvor schon einen fachlich versierten Stasi-Mitarbeiter am Messestand fragen lassen, sie hatte ihn sofort an die wirklichen Geschäftsvertreter weitergereicht, nun sollte ich als angeblicher Journalist bei ihr anknüpfen. Das war auch das einzige Mal, daß ich Geld bekam von der Stasi (U. meint, das sei ganz wichtig, ich weiß nicht genau, ob es wirklich einen Unterschied macht, wenn jemand nur gutgläubig „dabei“ war), das einzige Mal, es waren siebzig Mark für die Fahrkarte nach Leipzig und ein Mittagessen dort, den Rest sollte ich nicht zurückgeben. Ich kriegte das Geld so in die Hand gedrückt, unterschrieb eine Quittung mit EGON KISCH. Aber in Leipzig selbst sah ich die Frau zwar an ihrem Stand, bin aber gleich wieder abgefahren, ohne auch nur einen Versuch zu machen, mit ihr zu reden. Dem Offizier erzählte ich, daß die Journalistenmasche auch nicht funktioniert habe.

Das letzte Mal traf ich T., glaube ich, im Juni 89. Ich glaube, daß ich das dem Offizier damals verschwieg, weiß es aber nicht. Ich weiß auch nicht, wie oft ich den Offizier noch traf, einmal zweimal? Vielleicht im September 89 das letzte Mal, dann habe ich ihn nicht mehr angerufen, dann kam der Oktober, und auf groteske Weise wurde meine Feigheit noch belohnt, das Problem „erledigte sich von selbst“, auf eine Weise, an die zu denken ich nicht gewagt, undeutlich aber gehofft hatte. Im September besuchte mich ein alter Freund, stellte sich als hauptberuflicher Stasi-Mitarbeiter vor (was ich immer geahnt hatte, aber nie gefragt) und wollte mich anwerben, da ich doch in Leipzig sei, wo man jetzt Leute brauchte. Ich habe ihm gesagt, daß ich schon „dabei“ wäre. Er ging dann und schärfte mir ein, „meinem“ Offizier nichts zu erzählen.

Vor meinem IM-Dasein hatte ich nur einmal Kontakt mit dem „Ministerium“. Da hatte ein Schulkamerad von mir nach einer gemeinsam besuchten Lesung einen der Publikumsvertreter verpetzt, der dort gesagt hatte, am Menschen hätten beide Systeme versagt, und der uns auf eine „richtige“ Lesung einlud. Ein Stasi-Mann, der sich als von der Kriminalpolizei kommend vorstellt, wollte, daß ich den Abend schilderte und mich erinnerte, wann diese illegale Lesung stattfinden sollte.

Liebe Katharina, das trug ich die ganzen Jahre in meinem Schädel herum. Ich habe mich, bis heute, nicht getraut, mit T. zu reden. Ich dachte, das verwüchse sich, ich könnte damit auskommen. Aber es war eine Lebenslüge, und ich habe immer viel Energie aufgebracht, um sie zu halten, um mich auszunehmen, von dem, was geschehen war. Ich habe Dich belogen und noch jeden, den ich näher kannte, weil ich auch glaubte, es sei nicht „praktisch“, das auszureden, ich schade mir, und mit den Freunden verstand ich mich doch gut, das wollte ich erhalten. Dann, als ich schon dachte, ich könnte ewig mit dieser Verbiegung in mir leben, als ich auch dachte, ich könnte meine Verwicklung ins System, meine Schuld unter Ausschluß dieser Stasi-Arbeit aufarbeiten, sie ohne ihre Erwähnung „miterledigen“, wenn ich mich nur auf die Problematisierung meiner Parteimitgliedschaft beschränkte, dann holte mich das alles wieder ein.

Es begann in Wiedehofe, bei jener Nacht in der Küche, die ich Dir schilderte, U., C., jener R. und ich, wir stritten uns, und fanden uns ungerecht, wir konnten nicht wirklich miteinander reden über das, was wir „auf verschiedenen Seiten“ für Biographien erlebt hatten. Es begann mit C. und U., die mir zu erzählen begannen, wie sie unter anonymen Spitzeln gelitten hatten. Ich fing an zu ahnen, daß ich C., die ich so liebte, nichts würde vormachen können, in einem Moment, der bald sein würde. Dann, wußte ich, würde ich sie verlieren, und ich begann Angst zu haben. Ich erinnere mich noch an W.K., der mir sagte: „Mensch, aber redet doch um Gottes Willen endlich darüber!“ Dort in Wiedehofe.

Dann habe ich Dich besucht und Lewis, und diese in Gang gekommene Lawine wurde kurz überdeckt von diesem Scheinkonflikt zwischen C. und Dir, den ich hätte verschmerzen müssen, so wenig wichtig war er. Dann war dieser Abend mit dem Plenzdorf-Film, und ich habe zitternd vorm Bildschirm gesessen, Monty Python verwünscht, und Du erzähltest Lewis von den Stasi-Protokollen, die Du abgetippt hattest, von der Gesprächsrunde, die wir hatten, und zu der „damals“ kein falscher Zuhörer gehören durfte, von Deinen Erfahrungen mit denen im Dunkeln, die am Steuer gesessen haben müßten, als Du nicht in die EOS, HFF… aufgenommen wurdest. Du hast irgendwann an diesem Abend gefragt, was denn wäre, Du wolltest doch nicht so ein Schweigen auslösen, und immer noch antwortete keiner. Was Du nicht wußtest: Ich habe auf dem Boden gelegen und leise geweint, weil ich in dieser Situation zum ersten Mal etwas begriffen hatte von richtiger Angst, die die Leute hatten in diesem Käfig.

Du sagtest „und das war wirklich so am 7./8. Oktober“. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, empfunden, emotional tief gewußt, daß es „wirklich so war“. Ich konnte da nichts mehr sagen, ich wurde der Schuld wieder gewahr, die ich auf mir hatte, aber ich konnte sie noch nicht sehen, nicht anfassen, weil ich auch noch nicht richtig aufgestanden war, um ihre volle Last zu bemerken.

Dann das Wochenende in Talesruh. Ich freute mich so, C. und U. wiederzusehen, gleich war ein Abglanz jener Vertrautheit wieder da, und wir glaubten uns wohlzufühlen miteinander. Ich schlief mit den beiden in einem Zimmer, auf dem Fußboden neben C., überglücklich, sie so dicht dabei zu haben.

(Ich unterbreche, weil ich mir etwas zu trinken holen muß, ich kann das alles hier ohne Alkohol nicht körperlich ruhig genug, um auch nur deutlich schreiben zu können, durchstehen.) (Habe Angst, ich könnte in dieser Situation Alkoholiker werden, wenn ich mich nicht zusammenreiße.) Dann dieser Abend nach einem Tag mit Kopfschmerzen, ich ging mit C. von einer Kneipe zurück, wir sprachen über die frühere, ja Gegnerschaft war es ja praktisch, jeder von uns auf der anderen Seite der Gesellschaft (U. später zu mir: Ihr habt immer nur gewonnen!) Im Zimmer kamen wir irgendwie auf das Thema Stasi. Ich: „Nicht alle waren so“. C. blickte mich an und sagte leise: „Warst Du etwa auch dabei?“ Katharina, das war das erste Mal in meinem Leben, daß ich mich wirklich entscheiden mußte, weiter für die Lüge oder endlich für eine Ehrlichkeit, die, das wußte ich schon, mir sehr wehtun würde.

Ich sagte „Ja!“. C. war stumm vor Schreck. Ich bat sie, mir zuzuhören, sie sei die erste, der ich das erzählte, und meine einzige Chance, endlich darüber zu reden. Sie willigte auch erst ein, aber dann sprang sie irgendwann auf, das sei ihr jetzt alles doch einfach zuviel. Sie hatte damals mit ihrer Zweitstimme Jutta Braband in den Bundestag gewählt, die sich nun als Stasi-Mitarbeiterin bekannte, und C. wollte mich eigentlich anrufen, mit mir darüber reden, erreichte mich aber nicht, und nun erzählte ich ihr das. Sie ging aus dem Raum, und über mir brach alles zusammen.

Bin dann, nachdem ich totale Heulkrämpfe hatte, raus aus dem Haus, Flasche Whisky dabei. Komische Situation, denn zum einen ging es mir wirklich dreckig, ich kauerte mich immer wieder hin, um zu heulen, dann sah ich mich aber auch wieder von außen, Selbstbespiegelung, immer hoffend, jemand würde sich KÜMMERN um mich, trösten, mich einfach bloß anfassen. Wie son Kind, das heult und immer nach der Mutter schielt, ob die auch herblickt. Ich dachte kurz daran, abzuhauen, aber ich wußte nicht, wie ich dieses Wochenende überleben würde ohne all die Leute um mich herum, die durch ihre bloße Anwesenheit garantierten, daß ich irgendwie vernünftig blieb. Dann entdeckte mich U., die mit C. gerade los wollte, mich zu suchen. Und dann erfuhr ich etwas, was ich dieser Frau nie, nie vergessen werde. Sie hielt mich fest bei den Weinkrämpfen, sie sprach mir Ruhe zu. Ich redete dann kurz mit C., erzählte dort weiter, wo ich vorhin abgebrochen hatte.

Später, wir waren zusammen in diesem Zimmer, wartete ich starr mit der Zahnbürste in der Hand, daß das Bad frei würde, bis C. mich anschrie, ich solle mit diesem verdammten Selbstmitleid aufhören. Ich sagte, daß es mir eben schlecht ginge, Scheiße, und ich ging raus, und eigentlich wollte ich auf dem Flur schlafen dann, war aber zu feige. (U.: An C.s Stelle hätte sie mir die Zahnbürste zerbrochen oder mich geohrfeigt. C. sagte mir später, wäre sie nicht vom Alkohol so gedämpft gewesen, hätte sie mich verprügelt. Es wäre besser gewesen, sie hätte das getan.) Dann begann U. Gedichte zu lesen, im Halbdunkel, die ich ganz auf mich bezog, und sie waren so gemeint, U. sagte mir, sie hätte GEGEN MICH gelesen, ob ich das nicht bemerkt hätte, aber ich hatte es bemerkt, und warum ich nicht aufgesprungen wäre und raus, aber meine Knie waren zu weich.

Wir lagen alle drei fast die ganze Nacht wach, und ganz früh bin ich aufgestanden, habe M. Mann beim Frühstückmachen geholfen und bin hinausgegangen. Auf dem Rückweg begegnete ich U. und C., wir gingen aneinander vorbei. C. mußte dann weg, und ich fragte sie, ob ich sie in einigen Wochen anrufen dürfe, ja, sagte sie, aber ich solle keinen Trost erwarten. Sie hatte immer verzweifelt versucht, Gesichter zu finden, die jene der Stasi waren, hatte erwartet, daß unter ihren engsten Freunden sich jemand entpuppt, aber nun war ich es, den sie noch so wenig kannte, der sie doch schon so belogen hatte. Die Denunziation hatte für sie einen Namen, und sie hatte jetzt meinen Namen.

C. hat die Denunziation umarmt. Ich versuche vergebens, mir vorzustellen, was sie empfinden mag. Sie gab mir zum Abschied die Hand. Als sie weg war, bekam ich plötzlich eine Wahnsinnsangst und lief ins Zimmer zurück. Ich hatte ihr das neue Buch von Sarah Kirsch geschenkt, mit einer Widmung, und ich fürchtete, sie könnte mir das Buch wieder hingelegt haben, mit dem Geschenk auch die Person des Schenkers ablehen. Meine schlimmste Strafe. Sie hat es nicht getan.

Am Nachmittag saß ich mit U. und erzählte ihr das, was ich Dir aufgeschrieben habe. Wir tranken viel, U. weinte. Aber diese Frau hat ein so großes Herz, und vielleicht kann ich ihr Freund bleiben. Nur, sagte sie, sei endlich wirklich ehrlich. Zum Beispiel trenne Dich von der Frau, mit der Du zusammenlebst und doch nicht zusammenlebst und die bei Dir überhaupt nicht vorkommt. Katharina, wir sprachen darüber, und ich werde es nun tun, es ist möglich, und da mir das Schlimmste schon geschah, C. zu verlieren (die ich nie gewonnen hatte), bin ich gefaßt. Silvia kommt nach Berlin, und ich muß ihr sagen, daß wir uns trennen werden. Ich will mit mir aufräumen, und ich muß, das tut weh, so brutal sein. Ich muß den Freunden sagen, was mit mir ist, und ich werde es auf unabsehbare Zeit allen Leuten sagen müssen, die ich kennenlerne. Ich muß die Verantwortung eines Stellvertreters für mich anerkennen. Merkwürdig, beim Tagebuchschreiben fallen mir ganz viele Gedichtanfänge ein, als hätte sich die Schreibhemmung jetzt gelöst, und es ist ja auch so, wenn man Schreiben als Lebensäußerung begreift, kann man nicht ehrlich schreiben, wenn man nicht ehrlich lebt. Ich habe U. geschrieben, so sind meine Gedichte sämtlich Unterlassungen, sie sind um das Quantum der Lüge zu schweigsam.

Ich weiß nicht, was Du jetzt empfindest, wie Du Dich stellen wirst. Ich kann nicht um Verzeihung bitten, Dinge sind unwiderruflich, vielleicht siehst Du die Chance, von mir etwas Persönliches zur anonymen Bespitzelung zu erfahren. Ich war so einer. Ja.

W. hat mich gefragt, ob ich über Talesruh etwas in „meinem Schmierblatt“ schreibe. Ich sagte, ich hätte letzte Nacht aufgehört zu lügen. W. hat mich nicht verstanden.

Ja, Katharina, so stehen die Dinge. Ich beginne, mich nicht mehr zu bemitleiden. Ich will das alles ausreden. Vielleicht gibt es danach noch Freunde, hoffentlich nicht die, die sich mit mir solidarisieren, um ihre eigene Vergangenheit zu legitimieren. Ich weiß nicht, ob Du noch dazu gehören möchtest. Wir können uns auch treffen, rede mit mir oder verprügle mich. Bis zum Wochenende bin ich noch hier, in der Hoffnung, in diesem Zeitraum alles mit Silvia klären zu können. Ich bin entschlossen, und ich habe mir alles auch „kleingedacht“. Ich muß jetzt einen ganz deutlichen Bruch machen mit mir, sonst werde ich den krummen Rücken nie mehr los. Langsam begreife ich, was mit mir läuft, nicht mehr als Schicksal, sondern als mein Eigenes, folgerichtig, schmerzhaft und gerecht. Die größte Gerechtigkeit ist, daß ich von C. vermuten muß, sie verabscheut mich jetzt – die schlimme Erfahrung dessen läßt mich vielleicht eine Winzigkeit von dem Schmerz erfahren, den Stellvertreter wie ich anderen zugefügt haben.

Liebe Katharina, ich wünsche Dir alles Gute, Liebe, falls wir uns nicht mehr sehen. Ich bewundere Dich, habe Dich immer sehr gern gehabt. Wie wichtig Du für mich warst, weißt Du hoffentlich. Wie wichtig ich jetzt noch für Dich sein kann, wirst Du mich erfahren lassen.
Jens.
Vielen Dank.

Ich kann ja doch keinem recht wehtun

Berlin, 13.9.

Liebe Katharina!

Jubelnden Dank für Deine Zinnowitz-Karte, der der angekündigte Telefonrundspruch allerdings noch nicht gefolgt. Ich hoffe, wir könnten uns bald alle sehen, wahrscheinlich müßte viel beredet werden. Am Dienstag war ich in Herzensangelegenheiten kurz in Potsdam, wollte dabei auch bei Dir vorbeischauen oder einen Zettel an die Tür klemmen – letzteres vergaß ich, ersteres mißlang aufgrund Deiner Abwesenheit. Was erzähle ich Dir das, hätten wir uns getroffen, wüßtest Du’s ja. Dafür stolperte ich vom Hinterausgang des Bahnhofs Babelsberg direkt auf die offene Fassade des neuen Cafés dort zu und im übrigen direkt an den Tisch von Peter H. Die effektive Existenz von Wundern, bewiesen am praktischen Beispiel. Wir hatten einigen Spaß, aber ich mußte weiter, immerhin erfuhr ich Stichworte zu eurem gemeinsamen Trip. Näheres, denke ich, von Dir.

Ja, wir hatten unser Wiedehofe, poetisch wenig aufhaltsam, dafür aber menschlich sehr angenehm. Hatte, wie Du auf jenem SU-Trip, das Initialerlebnis mit U.M. Teile Deinen Eindruck, dies sei ein bemerkenswerter weiblicher Mensch, und meine doch, es wäre verwunderlich, wenn zwei Frauen wie ihr beiden einander befehdeten. Wir waren so ein Molekül von vier aneinandergehakten Leuten dort, immer war aber noch eine Bindung frei, an die Du gut gepaßt hättst. Oft haben wir auch von Dir geredet, ich ertappte mich ein ums andere Mal beim Ansatz „Katharina würde jetzt sagen…“ Schade, daß Du nicht dort sein konntest. Ich habe dort eine Art Seminarleiter abgeben dürfen, gut, daß mir U. immer half, ich kann ja doch keinem recht wehtun. Immerhin hatte ich – die Leute konnten nach Laune wählen, in welche Gruppe sie wollten – eine größere Fangemeinde als zum Beispiel W.K.. Richtig, auch der tauchte wieder auf.

Momentan arbeite ich einigermaßen angespannt bei der „Jungen Welt“, Kultur: Eine erleichternd ungezwungene Atmosphäre hier, in die ich mich fast täglich begebe, auch ein Stück Heimatsuche. Manchmal reicht es, einfach dazusitzen, warten, bis die Fahne aus dem Drucker kommt, das Gefühl über sich kommen zu lassen, beteiligt zu sein. Davon brauche ich täglich einen Teil. Mir geht’s nicht so ganz großartig sonst, weiß nicht, woher. Wenn ich vor dem Schreibtisch voll Arbeit sitze, verliert sich dieser Krampf.

Neulich, wenig verwunderlich, daß während einer S-Bahn-Fahrt, beschloß ich endlich, Deinem Zuraten zu folgen und ein Tagebuch zu beginnen. Bislang geht es recht gut, fließendes Schreiben weg von jener Künstlichkeit, in die ich immer gerate, wenn ich zu lang nachdenke, besonders bei meinen Artikeln immer, an denen ich spätnachts noch schreiben muß, weil mir das ungezwungene Erzählen nicht gelingt. Vielleicht gibt sich das in einiger Zeit, wenn ich zu diesem Schreiben in Bewegung als Äußerung WÄHRENDDESSEN finde.

Seit einer Woche hocke ich an einem Text für die Wochenpost über das Poetenwesen und Unwesen, der Anlaß war eigentlich Wiedehofe, was sich mittlerweile aber rettungslos erledigt hat. Nun meditiere ich abstrahiert über den Gegenstand und kriegs und kriegs nicht in die Reihe. Daß die erste Version des Beitrages abgelehnt wurde, was mir noch nie passiert ist, hat zusätzlich an meinem Selbstvertrauen genagt, ohne daß ich dies gern eingestehen würde.

Morgen fahre ich nach Leipzig, ein Interview mit Sarah Kirsch zu führen, ihr neues Buch habe ich schon vor mir, SPREU heißt es und ich liebe es. Trotzdem weiß ich noch nicht, was ich diese Frau fragen werde, muß mir das wohl auf der Zugfahrt überlegen. Ich bete noch, sie werde sich vom Namen „Junge Welt“ nicht doch noch abschrecken lassen, die Zeitung wird immer noch an ihrer Vergangenheit gemessen. Wer weiß, ob sich das je gibt.

Habe eben ALIEN gesehen, leider, da meine Mutter wirklich gute Filme offenbar nicht zu schätzen weiß, nur im Nebenzimmer vor fast funktionsuntüchtigem Fernseher. Da Du mir den Plot aber schon in Schwerin geschildert hast, habe ich mir den fehlenden visuellen Eindruck durch die Phantasterei ergänzt. Hypnotisch spannend, sonderlich die Schlußszenen (Licht!) sind der reinste Terror! Dieser Film ist dein Feind, Mann.

Okay, muß morgen sehr früh nach Leipzig: alles weitere dann an einem nächsten Termin. Meld Dich mal, ein guter Grund rückt ja schon nächstes Wochenende heran. Ich bin allerdings möglicherweise ab Mitte der Woche für zwei, drei Tage in Nürnberg, vielleicht schaffst Du einen Call bis dahin oder sagst dann halt meiner Mutter bescheid. Grüß mir Lewis! Liebe Grüße,
Jens.

PS: Kennst Du C.L.? Solltest Du. Eine wunderbare Frau. Auch aus Potsdam.

Kalte Wasser, viele Mücken

[Ansichtkarte „Ostseebad Zingst“]

Lieber Jens,

Du Italien, wir Ostsee. Ehre, wem Ehre gebührt. Kalte Wasser, viele Mücken, real-sozialistische Bungalows. Die Ortschaften gerade im Aufschwung-Ost. Stralsund hat seinen ersten Italiener! Hab Dank für Deine Karte, hier nimm unsere, ich melde mich bald, möglichst telefonisch bei Dir. Lewis grüßt!

Katharina

Es ist so heiß

[Ansichtskarte aus Rom, Motiv „Johannes Paulus PP. II“]

Scusi Katharina, eine häßlichere Karte war nun wirklich nicht zu finden. Sind also trotz aller Widrigkeiten (unsere italienischen Freunde beherbergen uns nur beschränkte Zeit und erst ab Sonntag) im Sonnenland gelandet und vermittels einer glücklichen Fügung bei anderen alten Freunden in der Nähe von Rom untergekommen.

Gestern ein Tag im Herzen dieses Molochs, heilfroh wieder draußen zu sein trotz der Hitze und der offensiven Gegnerschaft italienischer Autofahrer. Sollte eigentlich ein Einkaufsbummel werden, aber mehr als fast ein Dutzend Flaschen Mineralwasser wurde nicht erstanden. Soll ich Dir mal sagen, wie heiß es hier ist? Es ist so heiß, daß mein NIVEA-Duschbad dünnflüssig wird! Mein Italienisch wurde schon gelobt, ohne daß ich mir was drauf einbilden werde. Dafür unterlaufen einem doch zu viele entsetzliche FALSE FRIENDS (Letto = Bett, Lettera = Brief: ich schrieb ein Bett? etc.) Meld Dich mal!
Gruß an Lewis!
Jens

[Poststempel 12.08.1991]

Lebe wild und gefährlich

Lieber Jens,

vielen Dank für Deinen Brief, er erreichte mich Donnerstag voriger Woche.
Freitag habe ich das letzte Mal Kaffee gekocht im Studio; jetzt bin ich in Gießen bei Lewis und gewöhne mich langsam an den Gedanken, ein (von Arbeit) freier Mensch zu sein.
Bis 15. Juli werde ich meine Unterlagen an der FU einreichen, aufgrund der langen „Wartezeit“ seit Abschluß des Abiturs habe ich vielleicht doch die Chance, ab 14. Oktober (Semesterbeginn) Publizistik im Hauptfach zu studieren. Erfahre ich aber erst im September. Der Sommer ist frei, so scheint es, wir warten auf den Startschuß zu einem Filmprojekt, bei dem ich dann wieder als Regieassistentin arbeiten kann. Wann es losgeht, steht im Moment noch in den Sternen. Das belastet mich nicht allzusehr, rein finanziell gibt es keine Probleme, und das wichtigste ist für mich sowieso die Frage, ob ich ab Oktober studieren kann.

Ich mußte lächeln über Deine Bemerkung: „muß das ein interessanter Mann sein…“. Vielen meiner Freunde scheint es nicht so leicht zu fallen, zu begreifen, wie sehr ihre kühle Freundin Katharina einen (ausgerechnet!) Amerikaner liebt. Es scheint fast, als fiele es schwer zu glauben, daß ich Leidenschaft nicht nur in Gedichte oder den Wunsch, Filme zu machen, sondern eben in einen wunderbaren Mann und die Liebe zu ihm einbringe. Ja, ich sehe doch schon Dein Lächeln über so große Worte, Du wohltemperierter Freund; Du sollst es so oft hören, wie Du es brauchst: Ich liebe ihn, mehr als alles.
Weißt Du, es geht etwas zu Ende, (mir fällt kein besseres Wort ein, als:) ein Lebensabschnitt. Etwas Neues und Spannendes und auch wieder Nervenaufreibendes beginnt, und Lewis gehört zu diesem Neuen. Seltsam, ich fühle mich jetzt auf eine fröhliche Art erwachsen. Nicht mehr so festgeklammert, festgelegt. Ja, ich hab mitunter auch Angst vor dem, was vor mir liegt. Ich habe keine Angst vor dem Zusammensein mit Lewis. Es ist eine fröhliche, spannende, entspannende, liebevolle und tiefe Liebe. Es geschah zur richtigen Zeit; es hat mir gezeigt, daß es etwas gibt, was mehr als alles andere verdient, daß ich Leidenschaft, Kraft und Offenheit hineingebe.

Du schreibst über Dein im Moment eher abstraktes Fleisch-Lust-Verhältnis zu Frauen. Ich werde mich hüten, mich darüber mit Dir in böse-sarkastischen Floskeln auszutauschen. (Eine solche Bemerkung vielleicht doch: nur mit Gummi!) Was denkst Du, was ich dazu sagen kann? Gib dieser Art der (Frauen)-Anschauung ruhig nach.
Ich für meinen Teil fühle mich sowieso davon ausgenommen; ich kenne Dich besser. Ich denke, es kostet wahnsinnig viel Kaft, eine Anzahl von Frauen für eine Zeit ständig „feucht“ zurückzulassen. (Erinnere ich mich richtig an Deine Bemerkung über die eine Poetenseminar-Begegnung?)
Es ist so anstrengend auf die Dauer. Es ist auch nicht anders als langweilig. Noch nicht einmal wirst Du wohl viel „dazulernen“ (verzeih das sperrige Wort!), schon gar nicht über Dich und Deinen geschundenen, verkrampften, unglücklichen Körper.

Ja, da hast Du Dein Fett; es fällt mir recht schwer, es Dir zu schreiben, anstatt mit Dir zu reden. (Ich weiß auch, ich bin eine Privilegierte auch in dieser Beziehung im Moment.) Ich empfinde auch diese Deine jetzige Art der Anschauung von Frauen nicht als zynisch den Frauen, sondern nur Dir selbst gegenüber. Das spürst Du ja auch selbst. Ich erinnere mich an unsere letzten Sätze bei Deinem letzten Besuch. Wir sprachen darüber, daß Du Deine Verkrustung aufbrechen willst und nicht weißt, wie.
Es ist eben nicht nur die Verkrustung mancher Gedanken und Muster, es ist eben auch die Verkrustung Deines Körpers. Mein Freund Jens hat Kalk angelagert, wie ein alter Krebs. Ich weiß nicht, ob man es nur aus eigener Kraft schaffen kann, solchen Kalk abzuspalten. Kalk besteht aber auch aus Gewohnheit. Vielleicht solltest Du alte Gewohnheiten ablegen?
Auch Silvia scheint ja nun leider nur Gewohnheit zu sein; Deine mißliche Beziehung zu Klaudia ist vielleicht frühzeitig erstickt, weil Du auch daraus eine Art Gewohnheit machen wolltest.

Ich bin für mich recht froh, daß Kräfte von außen mich gezwungen haben, meinen gewohnten Trott aufzugeben. Doch, sie haben mir einen Gefallen getan, mich zu kündigen. Es war höchste Zeit, mein Leben zu ändern, äußere Umstände haben mich angestoßen, schmerzhaft auch, aber wie ich hoffe, zum Guten für mich. Ich bin seltsam gelassen. Ich sehe auf Lewis und bin gelassen und ohne Angst.
Auf seinem Schreibtisch steht eine Postkarte mit einem Zitat, von wem, steht nicht mit dabei: DU FRAGST MICH, WAS SOLL ICH TUN? UND ICH SAGE: LEBE WILD UND GEFÄHRLICH, ARTUR.
Es ist herrlich, ich lächle immer über mich selbst, wenn mein Blick darauf fällt.

Wegen Terminabsprachen im Juli melde ich mich noch einmal!
Ich umarme Dich!
Katharina

Gießen, 26. Juni ’91

Wir werden langsam annulliert

16.6.

Liebe Katharina,

einer jener selten gewordenen Sonntage, deren Vormittag ich erlebe; meist erreiche ich den Wachzustand nicht vor dem zwölften Glockenschlag, um ein schiefes Bild zu wählen – es gibt hier weit & breit keinen Kirchturm. Es gibt einen Typ Mensch, den der Morgen nicht interessiert, ich falle wohl in diese Kategorie. Wer mir übel will, kann mir aber auch vorwerfen, der ganze Tag sei mir gleichgültig, was zumindest an Wochenenden auch zuträfe.
Schlechte Nachrichten, in der Tat, (von Deinem) beruflichen Status quo. Mich bedrückt das. Die Witzelei um die einfach mal vorhandenen sprachlichen tics kommt mir im Nachhinein herzlich daneben vor, obwohl ich mir vorstellen könnte, daß Du auch in weit übleren Situationen noch etwas zum Lachen fändest. Schlimm für mich ist an Deiner Ablehnung, daß mich kurzzeitig all das verschüttet hat, was ich an eigenen Versagensängsten beim Schritt in den Beruf immer vor mir herschob.

Bisher habe ich verdrängt, was mir, und angesichts der Totalernte auf dem Medienmarkt immer wahrscheinlicher, blühen könnte. Jetzt erfaßt mich so eine Welle des Relativierens, alles, was sicher galt, wird unscheinbar. Du wirst verstehen, daß ich Dir so schlecht Mut zureden kann, obwohl ich es gern besser könnte. Immerhin bleibt uns, darüber zu reden. Ich werde Dein Zerrissensein kaum kitten können, so wenig wie Du meines, aber wir werden uns weiter gegenseitig damit beanspruchen. Die Verabredung gilt. Ich bin Dein Freund, und ich brauche Dich auch, wenn es Dir schlecht geht. Ruf an, wann Du magst – Freitagabend bin ich meist da -, ich werde Zeit haben. Den Juli über werde ich in Berlin sein, Lewis und Du könntet mich hier besuchen, habe u.a. am 24. Geburtstag* & weiß noch nicht, was ich da veranstalte. Soll sagen, Du bist willkommen, Ihr seid willkommen, und belaste mich ruhigen Gewissens.

Das langsame Versanden meines Studiums motiviert mich nicht gerade. Momentan steht eine Entscheidung aus, ob das Nebenfachstudium, auf das ich viel Kraft und vor allem Zeit verwendet habe, als Abschluß anerkannt wird. Wir werden langsam anulliert, immer mehr Seminare fallen aus. Die große Hoffnung, hier geregelt weiterstudieren zu können, ist vertagt. Da das kommende unser möglicherweise letztes Studienjahr wird, könnten wir leicht durch den Rost fallen – wie jene, die den neuen, ordentlichen Abschluß haben; wie jene, die noch gnadenhalber durchgezogen werden und ein großmütiges Testat über ihr „teilgenommen“ erhalten. Ich versuche, ins Ausland zu gehen, einmal, um Zeit zu gewinnen, dann auch, um meinen Abschluß aufzuwerten.

So laufe ich ziemlich lustlos durch Leipzig. Alle Verrichtungen brauchen mehr Zeit. Neuerdings spiele ich Billard mit ein paar Freunden, im ersten Stock eines Spielsalons mit Ausländerfrequentierung, merkwürdige Geräuschkulisse aus irgendwie arabischen Satzfetzen und dem Gefiepe der Daddelautomaten. Ich bin konstant müde, mein Magen rebelliert mit Ausdauer, wahrscheinlich trinke ich auch zuviel. Gesund bin ich immerhin insofern, daß mich Frauen interessieren.
Langsam habe ich heraus, daß ich auf diese beängstigenden Geschöpfe Wirkung habe. Bei den Abenden im Internatsklub gibt es einige, die mich auf eigentlich wenig raffinierte Weise einzuspinnen suchen, ausgestellt kindhafte Dämchen, denen Silvia, wenn sie da ist, giftige Blicke zuwirft. Meist ist Silvia nicht da. Ich bin dann aber auch zu betrunken, um unvorsichtig zu sein. Mit zweien, dreien der Erwähnten würde ich sicher gern mal ins Bett gehen, weiter geht die Faszination jedoch nicht. Wahrscheinlich wäre ich am darauffolgenden Morgen traurig. Keine sexuelle Erleuchtung, vermutlich. Aber ich würde gern darüber philosophieren. Was für ein Ort könnte ein Wohnheim in der Topographie des Sex sein. Oder so.

* jaja, ich weiß, so eine blöde Formulierung, sollte UNDERSTATEMENT sein, meint jedenfalls keinesfalls, daß ich, neben dem 24., noch am 17., 25. oder 28. Juli und zuzüglich am 2. August Geburtstag habe. U.a. meint gar nichts. Grmbll.

Allerdings verstört mich die gewonnene Gelassenheit auch etwas. Ich weiß nicht ganz, was es mit dem unverstellten Wahrnehmen der eigenen Wünsche noch zu tun hat, wenn ich beim Blick auf eine Frau vorrangig von deren möglicher Verfügbarkeit denke (Papenfuß-G. würde sagen, dies klänge wie „Verfickbarkeit“. Recht hat er.). Leicht mischt sich so ein abfälliger Unterton bei. Fleischbeschau. Viehmarkt.
Außerdem kriege ich manchmal nicht zusammen, daß ich nicht verführbar sein wollte (ökonomisch, politisch) und eine Frau mir, ohne es selbst zu wissen, vorführt, wie schnell ich das doch bin. Katharina (Nachname) mit genüßlicher Verachtung: „MÄNNER!!“ (Oder mit verächtlichem Genuß?)

Vorigen Dienstag hatte ich eine Lesung. Aufstöhnen bei Dir, vermutlich. Hatte etwas Endzeitliches: Drawert wollte seinen Zirkel vorführen in einer Veranstaltung, die die letzte ihrer Art an der Uni war, weil die Kulturabteilung kein Geld mehr hat. Im Vorfeld große Ernüchterung bei mir, weil beim Aussortieren der Texte wieder auffiel, wie entsetzlich wenig Vertretbares doch nur vorliegt. Mein Teil – außer mir lasen noch zwei Freunde – geriet dann sehr kurz. Sehr gute Aufnahme aber, erstaunlich viel Publikum, anschließende Diskussion mit Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Gehäuftes Auftreten der Forderung an Lyrik, irgendwie psychotherapeutisch für den Leser zu sein. Irritation bei der These, die Wörter sagten selten das, was sie vorstellten. Ich verfehlte knapp einen tiefen Fettnapf, und das kam so: Im vorigen Brief schickte ich Dir ein Plakat von einer Lesung eines Herrn Benz – so ein schönes Plakat kriegten wir übrigens auch. Angelegentlich nun der Diskussion nach unserer Darbietung kippte ich einen Kübel Verachtung über die Wessi-Hausfrauenlyrik aus, die deren Apologeten ohne Schwiergkeit veröffentlicht kriegen, um dem leidenden Publikum dann aus „4 Werken“ vorlesen zu können. Zum Glück nannte ich keinen Namen, die Spitze war aber deutlich genug. (Du ahnst schon richtig, wie’s noch kommt.) Im Gespräch fiel ein Herr mit süddeutschem Dialekte auf, der mir besonders viele Fragen stellte. Beim Abschied lud er mich ein, doch mal zu seiner Lesung im Oktober zu kommen. Wie er denn hieße? frug ich, er aber antwortete und sprach: „BENZ, wie das Auto!“ Grmmbll!!

Ich habe einen kryptischen Brief bekommen von einer Freundin der achtzehnjährigen Klaudia. (Eigentlich kannte ich die nämliche Freundin zuerst und kam über sie an Fräulein K.) Sie schrieb mir, da ich die beiden eingeladen hatte zum diesjährigen Poetenseminar-Surrogat. Nachdem sie mir ihre Schwierigkeiten beim Verfassen von Literatur geschildert hatte, die mit einem neuen Lebens-APPROACH zu tun hätten, meinte sie nebensätzlich, daß sie auch meine Person für Klaudia neu erfunden hätte, falls ich von der noch was wolle. Merkwürdig, nich? Von Klaudia aber weiterhin kein Zeichen, ich habe diese Freundin genötigt (brieflich), doch einmal Anstoß zu vollführen. Werde auch gleich selbst an sie schreiben, was mich in konzeptionelle Schwierigkeiten stürzt: Bisher schickte ich ihr, um sie irgend zu einer Antwort zu provozieren, schon a) einen Umschlag ohne Brief; b) nur ein Gedicht, c) nur einen Zettel mit der Bitte, sich zu melden, d) eine wirrbemalte Postkarte, e) ein beschriebenes Foto sowie f) etliche „normale“ Briefe. Ich sollte damit aufhören.

Hiermit das Blatt glücklich vollgekritzelt mit den Nichtigkeiten meiner Lebensführung, ich grüße Dich und wünsche Dir, daß Du nicht kaputtgehst, bloß jetzt nicht kaputtgehst, hab viel Spaß mit Lewis (muß ein interessanter Mann sein, jemanden wie Dich so zu fesseln):
Jens

PS: Mache gerade einen Beitrag über das Literaturinstitut. Einen herzlichen Gruß von Franz!